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Stichwort: Selen im Pferdefutter

Pferde: Unser tägliches Selen gib' uns heute?

Noch ein weiterer meist nutzloser Mode-Futterzusatz bei Pferden

Von Dr. Stefan Brosig

Vor allem in den Jahren 2002 bis 2005 bot pferdeglueck.de dem Chemiker und Pferdefreund Dr. Stefan Brosig die Gelegenheit, erstmals in redaktioneller Aufbereitung seine Abhandlungen zu unterschiedlichsten Themen im Internet zu veröffentlichen. Auch dieser Archiv-Beitrag stammt aus dieser Zeit.

Durch Untersuchungen an eigenen Pferden und eine weitergehende Recherche bin ich auf einige wesentliche Sachverhalte gestoßen, die die in der Tierernährung weit verbreitete Gepflogenheit der Zufütterung von Selen an Pferde sehr stark in Frage stellen und zu einem Umdenken führen müssen. Selen ist in den letzten Jahren ein Modeelement geworden, für das viel geworben wird, und ganz Europa, Deutschland allgemein und Süddeutschland im besonderen werden häufig als Selenmangelgebiete bezeichnet. Daher haben alle Pferde, die dort nur natürliches Futter bekommen, im Durchschnitt niedrige Selenwerte im Blut. Dennoch haben sie aber in den ganzen Jahrhunderten, in denen die Menschen dort gezüchtet und mit Pferden gearbeitet haben, mehr Leistung vollbracht als heutige Reitpferde.

Darüberhinaus sind Länder wie Finnland und Neuseeland noch mehr als Deutschland "Selenmangelgebiete" und verfügten ebenso über harte gesunde Pferde, auch ohne Selenzufütterung. (Seit 1984 wird allerdings in Finnland als einzigem Land Kunstdünger mit Selen angereichert.) Gerade aus Neuseeland stammten schon immer sehr gute, weil harte Militarypferde. Interessant war daher einmal zu betrachten, wie denn die Selengehalte im Futter Trakehnens aussahen, Deutschlands ehemals bedeutendstem Pferdezuchtgebiet und Lieferanten legendär harter Pferde. Die Selenwerte direkt im Gebiet des alten Trakehnens waren für mich zwar nicht erhältlich, es sind aber Selengehalte in menschlicher und Kuhmilch aus dem Nordosten Polens verfügbar (B. Zachara und A. Pilecki, Environmental Health Perspectives, Vol. 108, 11, Nov. 2000 und von B. Debski, Warschau, SGGW, 1992). Von dort ist es nur ein "Katzensprung" bis zum ehemals bedeutendsten Zentrum deutscher Pferdezucht. Der Selengehalt in der Milch korreliert, wie man weiß, direkt mit dem in der Nahrung und im Blut.

Biblischer Alter ohne Futterzusätze!

Kuhmilch aus dem Nordosten Polens enthielt weniger als 5,5 Mikrogramm Selen pro Liter, im mittleren und südwestlichen Polen 7,9 bis 10,3 Mikrogramm pro Liter! Im selenarmen Finnland vor Beginn der Selendüngung lag der Selengehalt bei 6 Milligramm pro Liter. In Deutschland liegen die Selengehalte in Kuhmilch typischerweise bei 10 bis 20 Mikrogramm pro Liter. Dies zeigt, dass im "Land der dunklen Wälder und kristallnen Seen" die Selengehalte im Gras, Heu und Getreide sehr niedrig lagen, denn man weiß, dass sich der Selengehalt des Futters am gleichen Standort in den letzten 50 Jahren nicht geändert hat (Prof. Heseker, Universität Paderborn). Trakehnens edle und legendär harte Pferde hatten daher wohl alle nach heutigem Maßstab "Selenmangel"! (Gott sei Dank wußten sie es nicht, sonst hätten sie den Großen Treck am Ende des Krieges wohl nicht überstanden!) Der Gedanke, dass ein Tempelhüter, Pythagoras oder Dampfroß heute wegen diagnostiziertem Selenmangel behandelt würden, dürfte nicht nur alten Ostpreußen Schauder über den Rücken jagen!

Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass der vor mehr als einem Jahr in einigen Pferdezeitschriften vorgestellte Trakehner Urok, der im Februar diesen Jahres mit 41 Jahren starb, dieses biblische Alter ohne Fertig- und Mineralfutter gerade im ebenfalls besonders selenarmen Bayern erreichte! Auch am Beispiel unseres früheren Schulstalles (von 1973 bis 1986) mit bis zu 26 Pferden und klassischer Heu-, Hafer-, Grasfütterung kann ich aufgrund der Gesundheit und Belastbarkeit der Tiere aus eigener Erfahrung negative Auswirkungen niedriger Selenwerte auf die Pferdegesundheit vollkommen ausschließen.

Einen dieser Warmblüter hatte ich übernommen und besitze ihn, nun 33-jährig und dabei quietschfidel (Anmerkg. d. Redaktion: Waran starb 2006 im Alter von stolzen 35 Jahren), noch heute. Er bekommt das gleiche Futter wie unsere Schulpferde damals und weist (Blutprobe vom März diesen Jahres) einen Selengehalt von nur 21 Mikrogramm pro Liter auf. Gefordert werden (Vet.Med.-Labor) 80 bis 150! Mein 17-jähriger englischer Vollblüter liegt sogar bei nur 14 Mikrogramm pro Liter (April diesen Jahres) bzw. 20 (Juli diesen Jahres). Da unsere damaligen Schulpferde das gleiche Futter von den gleichen Wiesen bekamen wie unsere heutigen Pferde, müssen ihre Selenwert im Blut vergleichbar niedrig gewesen sein. Bei einer 8-jährigen Haflinger Stute, die im Januar 44 Mikrogramm pro Liter aufwies, führte eine Anhebung auf Wunsch der Besitzerin auf ungefähr 100 Mikrogramm pro Liter mittels eines Selen/Vitamin E-Präparates (Tagesdosis 2,5 mg Selen und 1000mg Vitamin E) nach einigen Monaten zu völlig deformierten Vorderhufen, und auch die anderen Hufe zeigten starke Ringbildung.

Spartanisch gefüttert und überaus erfolgreich

Auch Rennpferde erhielten lange Zeit und ohne Selenzufütterung bevorzugt Heu aus dem selenarmen Schwarzwald, bevor in den großen Rennställen auf Heu aus der südfranzösischen Provinz Crau gewechselt wurde, weil es in seiner Qualität gleichmäßiger ist. Heu aus dem Schwarzwald war, wie der ehemalige berühmte Galopprenntrainer Heinz Jentzsch feststellte, meistens auch gut, variierte witterungsbedingt aber von Jahr zu Jahr. Im Winter verfütterte er es dennoch gerne als Geschmacksabwechslung. Es sollte jedem Pferdehalter auch zu denken geben, dass gerade das Heu aus der Provinz Crau von Ernährungswissenschaftllern gerne als besonders mängelbehaftet angesehen wird. Und dennoch hat der große Lando, nachdem er 4 Jahre lang dieses Heu gefressen hatte (etwa 6 Kilo am Tag, außerdem 6 Kilo Hafer, Karotten, hin und wieder Mash und eine Vitaminmischung praktisch ohne Spurenelemente), 1995 im Japan Cup, dem gewinnreichsten Galopprennen der Welt, die übrige Weltelite deutlich geschlagen. Dennoch, oder, vielleicht gerade, weil? Wie kann es dann aber sein, dass heutzutage durchaus Krankheitssymptome mit einem Selenmangel in Beziehung gesetzt werden können und die heutigen Ernährungswissenschaftler Selenmengen für Pferde fordern, die die frühere Versorgung um ein mehrfaches überschreiten und 1930 noch für hochgiftig gehalten worden wären? Erst 1957 wurde die Funktion von Selen als essentiellem Spurenelement entdeckt.

In den letzten Jahrzehnten haben sich die Selenbedarfswerte und der Selengehalt in Fertig- und Mineralfuttermitteln stetig erhöht, ohne dass die Pferde, langfristig betrachtet, dadurch gesünder geworden wären. Auch die schon erwähnte Erhöhung der Selenzufuhr in Finnland über selenierten Kunstdünger hat gemäß einer über 10 Jahre laufenden Studie am Menschen nicht zum gewünschten und vorhergesagten Rückgang bei Herzkrankheiten und Krebs geführt (Prof. Heseker). (Gleiches wie für Selen habe sich übrigens auch in den letzten 12 international durchgeführten placebokontrollierten Doppelblindstudien mit Vitamin E, z.T. mit weiteren Zusätzen, an insgesamt 120000 Menschen gezeigt!)


Altes Pferd Waran
Waran, eines der Pferde von Stefan Brosig, wurde infolge guter Pflege und Fütterung stolze 35 Jahre alt.

Die obigen Beispiele zeigen sehr deutlich: Ein "Normalwert" im Blut von 80 bis 150 Mikrogramm pro Liter für Selen kann nicht der Weisheit letzter Schluß sein und nicht auf alle Pferde anwendbar. Für natürlich ernährte Pferde ist er offensichtlich viel zu hoch angesetzt! Er kann nur als Durchschnitt von vielen Pferden gebildet worden sein, die alle angereichertes Fertigfutter erhielten, um die niedrigen Werte im "Selenmangelgebiet Deutschland" anzuheben. Das ist aber ein vergleichbares Vorgehen, als wenn man den Alkoholgehalt im Blut von Alkoholikern zum Standardwert erhöbe und alle anderen daran messen und zwangsweise daran anpassen würde! Die zur Zeit gültige Fütterungsempfehlung beträgt 0,1 bis 0,2 Milligramm Selen pro Kilo Trockensubstanz. (Dies entspricht bei einem Großpferd einer täglichen Zufuhr von 1 bis 2 Milligramm. Zum Vergleich: Für den Menschen empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung 0,03 bis 0,07 Milligramm pro Tag, das Food and Nutritional Board in den USA 0,055 Milligramm pro Tag. Diese Mengen wurden als diejenigen bestimmt, bei denen ein bestimmtes Enzym, die Glutathionperoxidase, ihre volle Aktivität entfaltet, wobei die Frage im Raum bleibt, ob es überhaupt auf Dauer gut ist, wenn Systeme im Körper ständig in voller Alarmbereitschaft sind.)

Ab 2 Milligramm pro Kilo Trockensubstanz kann es beim Großpferd laut den Ernährungswissenschaftlern schon zu chronischen Vergiftungserscheinungen kommen. (Nach meinen eigenen Beobachtungen liegt der Wert deutlich darunter.) In über 300 Grasproben aus 7 verschiedenen Bundesländern waren aber nur 0,011 bis 0,123 Milligramm pro Kilo Trockensubstanz enthalten, also in den meisten Fällen deutlich weniger als die geforderten 0,1 bis 0,2 Milligramm pro Kilo. Und mit diesen Mengen gelang es jahrhundertelang, harte arbeitsfähige Pferde aufzuziehen (im Gegensatz zu heute!). Extrapoliert man die unter wesentlich größeren Aufwendungen für den Menschen bestimmten Selenbedarfswerte auf das Großpferd (etwa 8-fache Kalorienaufnahme), so erhielte man Bedarfswerte von 0,24 bis 0,56 Milligramm pro Tag. Bedenkt man nun noch, dass der Mensch entwicklungsgeschichtlich ein Allesfresser ist und auch selenreiches Fleisch verzehrt, das Pferd aber an die rein pflanzliche selenärmere Kost gewöhnt ist, landet man in dem Bedarfsbereich, der ihm auch durch das natürliche Futter mit niedrigem Selengehalt zur Verfügung gestellt wird. Dies ist kein Zufall, sondern Folge der langfristigen Anpassung an die Ernährungsumstände.

Es muß einem auch sehr zu denken geben, dass sich die "Normalwerte" im Blut von Pferden von Labor zu Labor stark unterscheiden. Dies ist nicht nur mit anderen Analysemethoden zu erklären, die nur geringfügige Unterschiede ergeben dürfen. Im folgenden sind mehrere laborspezifische Normalwerte für einige Spurenelemente im Blut angegeben (in Mikrogramm pro Liter):

Labor: Vet.-Med.-Lab Biocontrol Tierlab Laboklin US-Werte
Selen 80-150 28-133 140-250 50-150 60-300
Zink 600-1600 600-1600 550-630 600-1300 650-2700
Kupfer 500-1500 1200-1330 1210-1330 1200-1330 850-2000

Man erkennt, dass ein Pferd, dem durch das eine Labor ein starker Mangel attestiert wird, von einem anderen Labor als normal eingestuft wird! Was lernt man daraus: Viele Mängel sind nicht wirklich, sondern werden durch den Vergleich mit einmal festgelegten "Normalwerten" einfach definiert! Das Pferd kann dabei kerngesund sein. Eine Erklärung für das oben gesagte kann die Evolutionsbiologie liefern. ("Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn, außer im Licht der Evolution!", Th. Dobzhansky) Betrachten wir hierzu die Natur des Pferdes: Es ist ein Wandertier, das großräumig umherzieht, und ein Grasfresser. In der Vegetationszeit füllt es seine Depots und zehrt davon in der Winterszeit. Um langfristig erfolgreich zu sein, muß es in der Lage sein, örtliche (und zeitliche) Schwankungen in der Zusammensetzung seines Futters auszugleichen. Für kurz- und mittelfristige Schwankungen bieten sich hierzu Depots im Körper an, für langfristige Schwankungen Anpassungen des Stoffwechsels. An nur sehr selten auftretende extreme Schwankungen in der Futterzusammensetzung wird der Körper im Laufe seiner Evolution keine Anpassungsmechanismen entwickeln können: extreme Überschüsse (Selenspeicherpflanzen) können daher Vergiftungserscheinungen hervorrufen.

Für den Selengehalt in Pflanzen findet man in Europa, z.B. verglichen mit Teilen der USA und Kanadas, großräumig und durchschnittlich relativ niedrige Werte, aus denen das Pferd auf seinen jahreszeitlichen Wanderungen nicht "herauswandern" konnte. Somit mußte die Natur Mechanismen erschaffen, die es den Tieren gestattete, auch mit diesen dauerhaft niedrigeren Werten erfolgreich zu sein. Als nächstes fragt sich der Evolutionsbiologe, wieso denn heutzutage so oft Probleme mit niedrigen Selengehalten im Futter auftreten, wenn diese früher kein Problem darstellten? Und wieso ist dies nicht bei allen Pferden der Fall? Unterschiede zu früher bestehen nur in Zucht und Haltung. Da dem Evolutionsbiologen bekannt ist, dass Pferde historisch bis in die jüngste Vergangenheit in Krieg und Frieden wesentlich stärker belastet wurden als die heutigen und sich die Zuchtziele mindestens bei einigen Rassen so gut wie nicht geändert haben, kann er genetische Veränderungen aufgrund der Zucht als Ursache hierfür ausschließen.


Pferd und Leckstein
Lücken im Futterplan deckt schon meist der schlichte Leckstein anstelle unsinniger Futterzusätze.

Bleibt noch die Haltung zu betrachten, die sich aus der Art der Aufstallung und der Fütterung zusammensetzt. Da die Aufstallung sich auch entweder nicht verändert hat, oder aber der Natur des Pferdes sogar wieder mehr entgegenkommt, als in den Jahrhunderten zuvor, bleibt als letzte Ursache die Fütterung. Hier wird er nun in vollem Maße fündig, denn diese hat sich, wie er feststellen muß, in den letzten Jahrzehnten in einem erheblichen Maße von dem entfernt, worauf Pferde sich entwicklungsgeschichtlich optimiert haben. Sein nächster Schritt ist nun, die Unterschiede zwischen dem ursprünglichen, pferdetypischen, und dem modernen Futter herauszuarbeiten. Wie er feststellt, besteht auch das moderne Futter noch zu einem Großteil aus "Botanik", die jedoch gegenüber früher Unterschiede in der Zusammensetzung aufweist und darüberhinaus auch noch mit chemischen Substanzen als Zusätzen versehen ist, die ein Pferd in dieser Form und Menge Jahrmillionen lang nicht kannte.

Die Änderung in der Zusammensetzung der pflanzlichen Inhaltsstoffe kennt er nicht vollständig, da nur ein kleiner Teil davon bislang bekannt ist. Ihm ist aber klar, dass Änderungen bei den Gehalten der bekannten Substanzen rein statistisch auch Änderungen in der Zusammensetzung bei den noch unbekannten Substanzen bedeuten, auf die gar nicht untersucht wird. Und ihm ist klar, dass, allein rein statistisch betrachtet, auch dieser, sehr viel größere noch verborgene Anteil, seine Bedeutung in der Ernährung haben muß. Unser Evolutionsbiologe stellt auch fest, dass diese Änderungen in der Zusammensetzung heutiger Gräser und Getreide im Vergleich zu Wildpflanzen bei kunstgedüngten und mit Herbiziden und Insektiziden behandelten Pflanzen im Durchschnitt größer sind als bei ungedüngten oder natürlich gedüngten. In einem Vergleich stellt er darüberhinaus fest, dass durch einige künstliche Zusätze, besonders Spurenelemente, dieses Mißverhältnis zwischen dem, an was das Pferd sich über Jahrmillionen angepaßt hat und dem, was ihm mit dem modernen Futter angeboten wird, noch wesentlich verstärkt wurde.

Nachdem er nun festgestellt hat, dass die Änderung in der Futterzusammensetzung von allen Änderungen, denen das Pferd in den letzten Jahrzehnten unterworfen wurde, die mit Abstand stärkste ist, bringt er diese Änderung auch mit dem geänderten Verhalten gegenüber dem Futterbestandteil Selen in Verbindung. Obwohl er nun den Grund für die bei niedrigen Selenwerten heutzutage öfters auftretenden Probleme zu kennen glaubt, kann er doch keine mechanistischen Erklärungen hierzu abgeben. Ab diesem Punkt ist er auf die Mithilfe der klassischen Ernährungswissenschaftler angewiesen, um einen tieferen Einblick zu erhalten. Dabei ist ihm aber klar, dass bei der Komplexität der Zusammenhänge nur ein sehr grobes Modell der Wirklichkeit entstehen kann.

Echter Selenmangel: Zufüttern reicht nicht

Zusammengefaßt läßt sich sagen:

1.) Die Evolutionsbiologie lehrt uns, dass ein niedriger Selenwert im Blut unschädlich sein muß, wenn das Pferd nur natürliches und ursprüngliches Futter erhielt und der Wert das Ergebnis von entwicklungsgeschichtlich ausgebildeten Ausweichmechanismen an niedrige Selengehalte im Futter ist. Nur sehr extreme Abweichungen vom Durchschnitt eines Großraumes können Probleme verursachen, weil das Hauspferd kein Wandertier mehr ist. Die von der Evolutionsbiologie geforderten Ausweichmechanismen sind (mit Ausnahme des Vitamin E) noch nicht entdeckt, nur die Beobachtung (z.B. Trakehnen) lehrt, dass sie exstieren müssen. Diese Sichtweise wird leider von der modernen Medizin häufig abgelehnt. Die Ausweichmechanismen müssen sich aber in der enormen Zahl der noch nicht untersuchten und damit "verborgenen" Parameter finden lassen. ("Absence of evidence is not evidence of absence!")

2.) Der Selenwert kann natürlich auch aus Gründen erniedrigt sein, die krankheitsbedingt sind. In diesem Falle sind dann im Körper aber auf Grund der Krankheit auch die erforderlichen Ausgleichsmechanismen nicht oder nur teilweise aktiviert. Es liegt dann ein echter Selenmangel vor, der sich nach außen hin in Befindlichkeitsstörungen äußert. Diese Befindlichkeitsstörungen sind Symptome, die sich durch Anheben der durch das Futter zugeführten Selenmenge im Körper wenigstens einige Zeit bekämpfen lassen. Diese Zufütterung beseitigt aber nicht die eigentliche Ursache des Problems. Daher folgen nach einiger Zeit Probleme ganz anderer Art nach, wenn der Körper es in dieser Zeit nicht geschafft hat, seine ursächliche Krankheit selbst zu heilen ("Medicus curat, natura sanat!"). Zum Teil sind diese Probleme dann Nebenwirkungen der unnatürlichen Selengabe, gegen die man dann erneut mit weiteren Medikamenten zu Felde ziehen muß. Es eröffnet sich ein Teufelskreis, in dem ständig versucht wird, richtig oder auch falsch angesetzte Normwerte zu erreichen, wobei die wesentlich größere Menge der noch unbekannten Parameter naturgemäß völlig außer Acht gelassen wird.

3.) Der Selengehalt im Blut kann auch aus Gründen erniedrigt sein, die ihre Ursache selbst im Versuch haben, andere, u.U. gar nicht relevante, Mängel durch Zufütterung mit diesen Substanzen zu beheben. Dies ist das Problem, das durch die heute angebotenen Fertig- und Mineralfuttermischungen entsteht, durch die sich die Futterzusammensetzung weit vom entwicklungsgeschichtlichen Optimum entfernt und deren Anwendung daher nur kurzfristige Besserungen in ausgesuchten Bereichen verschaffen kann. So ist z.B. bekannt, dass durch hohe Kupferversorgung die Selenausscheidung verstärkt wird. Kadmium und Schwefel vermindern die Selenaufnahme duch den Körper. (Kadmium ist ein giftiges und dabei ziemlich heimtückisches Schwermetall, das heutzutage leider immer noch über Kunstdüngung auf Wiesen und Felder ausgebracht wird, weil die Gesetze zwar für Klärschlamm verschärft wurden, mit Kadmium verunreinigter Kunstdünger aber unbeachtet blieb!) Durch hohe Zinkaufnahme wird wiederum die Kupferaufnahme behindert und andersherum. Einige weitere bekannte Wechselwirkungen sind im folgenden aufgeführt (R. Puls, Mineral Levels in Animal Health, 1994, und E.J. Underwood, Trace Elements in Human and Animal Nutrition, 1988):

Aufnahme wird gesteigert durch: Aufnahme wird verringert durch:
Kalzium Vitamin D, A Magnesium
Zink Aminosäuren Kupfer, Kalzium, Eisen, Mangan, Selen, Kadmium
Kupfer Aminosäuren Zink, Kalzium, Eisen, Molybdän, Vitamin C
Magnesium Vitamin D Kalzium, Natrium
Natrium Aminosäuren Kalzium, Magnesium
Chrom Aminosäurechelate Zink, Eisen, Mangan
Selen Aminosäuren Kupfer, Kadmium, Quecksilber, Schwefel, Blei, Zink
Eisen Vitamin C Kalzium, Magnesium, Zink, Kupfer, Chrom, Mangan, Kadmium, Kobalt, Phosphor

Die Tabelle zeigt, dass, wenn man einmal ungerechtfertigt mit der Zufütterung einer Substanz begonnen hat, ein Teufelskreis entstehen kann, der immer weitere Gaben anderer Stoffe nötig macht. Dies alles läßt einen sehr an Schillers Wallenstein-Drama denken, in dem es heißt: "Das nämlich ist der Fluch der bösen Tat, dass sie, fortzeugend, immer Böses muß gebären!" Auch im Falle eines niedrigen Selenwertes, der durch pferdeuntypisches Futter verursacht wurde, beobachtet man nach einiger Zeit Krankheitssymptome am Pferd, weil dann die Ausweichmechanismen evolutionsbedingt in diesem Fall nicht oder nur eingeschränkt greifen können: Sie sind nämlich gar nicht dafür konzipiert, weil der Fall eines solchen Futters in den Jahrmillionen der Evolution nie auftrat! Mineralfutter ist evolutionsbiologisch betrachtet pferdeuntypisches Futter, weil mit diesem Substanzen verabreicht werden, die aus ihrem Zusamenhang mit anderen sekundären Pflanzeninhaltsstoffen herausgerissen wurden. Auf die Feinabstimmung mit wenigstens einem Teil dieser schätzungsweise ungefähr 40.000 sekundären Pflanzeninhaltsstoffen ist das Pferd aber angewiesen.


Pferde und Futter
So natürlich wie möglich sollte der Futterplan aussehen. Frei von überflüssigen Zusätzen.

Darüberhinaus ist die Verdauung des Pferdes entwicklungsgeschichtlich auch nicht an die Form dieser Zusätze wirklich angepaßt. Mußte der Verdauungsapparat sich Millionen Jahre mit Anstrengung um seine Nährstoffe bemühen, wird es ihm mit diesen Mitteln, oft sogar absichtlich, leicht gemacht. Zu leicht. Wie alle Systeme des Körpers, die nicht immer wieder belastet werden, müssen dann die für die Aufnahme vorgesehenen Systeme auf Dauer degenerieren, was wiederum zu Folgeschäden führt, ähnlich wie ein nicht trainierter Muskel, wenig belastete Knochen oder Sehnen, oder ein durch übergroße Reinlichkeit arbeitsloses Immunsystem.

Ein jüngstes tragisches Beispiel dafür, was geschieht, wenn der Mensch glaubt, die Entwicklungsgeschichte eines Tieres nicht beachten zu müssen, betrifft zwar keine Pferde, wohl aber "Rosse", nämlich Rhinozerosse. Die Hälfte aller Spitzmaulnashörner in amerikanischen Zoos starben in den letzten 10 Jahren auf unnatürliche Weise an chronischer Anämie (Blutarmut). Bei Menschen ist Anämie häufig eine Folge von Eisenmangel. Wie man nun feststellte (Harley u.a., Universität von Kapstadt) war es bei den Nashörnern paradoxerweise ein Eisenüberschuß, der die roten Blutkörperchen zerstörte! Es war nicht berücksichtigt worden, dass Nashörner hauptsächlich bestimmte Akazien fressen, die, verglichen etwa mit Gras, wenig verfügbares Eisen enthalten. Darauf war ihr Körper aber eingestellt. Die unnatürliche Überversorgung führte in diesem tragischen Beispiel zu den vielen Todesfällen.

Ich hoffe ich habe etwas nachdenklich stimmen und auch den blinden Glauben an das, was die Wissenschaft an kurzfristigen Effekten Jahr für Jahr veröffentlicht, nehmen können. In der Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft konnte man vor einiger Zeit die treffende Bemerkung lesen: "Wahrheit in der Medizin ist immer nur so alt, wie die neueste Studie!" Und in Bild der Wissenschaft korrespondierend: "Nirgendwo sonst ist die Fortschrittsgläubigkeit so groß und Wissensstand so flüchtig wie in der Medizin." Dem gegenüber ist der Vorteil einer evolutionsbiologischen Betrachtung, dass sie über Jahre, Jahrhunderte, sogar Jahrmillionen anwendbar ist, weil ihr die genauen Mechanismen völlig egal sind, sie ist rein empirisch. Sie zwingt die Natur nicht in ein theoretisches Schema, sondern gibt nur einen äußeren Rahmen vor, innerhalb dessen sich spätere detaillierte Theorien bewegen müssen!

 
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